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(…) Ich bin kein Anhänger paranormaler Erklärungsversuche für künstlerische Geheimnisse; Martha Griebler jedoch hinterlässt den Eindruck, sie habe Schubert auf einem Weg kennen gelernt, der uns anderen nicht offen steht. Sie versteht Schuberts Gesicht und Körper wie wenige andere; sie zeichnet ihn, als hätte sie ihn berührt und mit ihren Fingerspitzen die Knochen unter seinem Fleisch ertastet; sie ist ihm ganz nahe und kann sich neben ihm entspannen, zu jedem Zeitpunkt und in jeder Stimmung. Sie zeigt ihn unter Blickwinkeln und in Haltungen, die für den Schubertfreund neu sind, und gibt uns so die Möglichkeit, ihn wie zum ersten Mal zu sehen. Besondere Freude habe ich an den wunderbaren Rückenansichten, wie zum Beispiel in der wunderbaren Zeichnung, wo Schubert beim vierhändigen Klavierspiel mit Karoline Esterhazy zu sehen ist. Eine derart inspirierte Perspektive ist keine bloße Umarbeitung von Material, das bereits in der Schubert’schen Ikonographie vorhanden war, es handelt sich um etwas völlig Neues. Von ihrer außerordentlichen Affinität zu Goethe abgesehen, der das Thema einer weiteren atemberaubenden Ausstellung von Martha Griebler bildete, erstreckt sich ihre Einfühlung und ihr Verstehen über Schubert hinaus auch auf andere Mitglieder seines Kreises. Es gibt zum Beispiel nur ein sehr kleinformatiges Porträt des Dichters Johann Mayerhofer von einem Zeitgenossen, der ihn noch persönlich gekannt hatte, eine Darstellung im Profil in einem Schubertiade-Bild von Moritz von Schwind aus dem Jahr 1868. Griebler verwendet dieses Porträt als Ausgangspunkt und bildet Mayrhofer unter verschiedenen Perspektiven ab; sie gibt seinem Gesicht zum ersten Mal plastische Fülle. Dasselbe gilt für Franz von Schober, dessen etwas wüsten Charme Griebler ebenso überzeugend einfängt wie seine Possen beim Pfänderspiel. Was Schubert selbst angeht, so sehen wir ihn der Musik Mozarts lauschend, die aufeinandergelegten Hände vor den Mund gepresst (wie es in den Lebenszeugnissen beschrieben ist) und wir sehen ihn beim Gitarrespiel zu einer Zeit, als er infolge der Quecksilberbehandlung seiner Syphilis bereits alle Haare verloren hatte. Griebler bildet ihn zusammen mit Wilhelm Müller, mit Heinrich Heine und mit seinem künftigen Bewunderer Johannes Brahms ab. Das sind nur einige wenige Beispiele dafür, wie tief Martha Griebler das Leben des Komponisten und das Netz der Beziehungen, in denen es stand, zu verinnerlichen und wiederzugeben verstanden hat. Bevor ich auf dieses Oeuvre stieß, hatte ich – irrtümlicherweise – angenommen, ein moderner Mensch könne Schubert unmöglich mit den Mitteln der Kunst so abbilden, dass Ernst, Liebe und Humor – wie diffizil es allein ist, den Humor richtig zu dosieren! – alle zu ihrem Recht kämen. Das Risiko erschien mir ungeheuer groß, dass das Ganze zu bedeutungsschwer würde oder, im anderen Extrem, in die Karikatur abglitt. Das ist die feine Trennlinie, die Griebler mit duftigen weißen Flächen, dem Strich ihres Bleistifts und sparsamem Farbeinsatz mit vollendetem Feingefühl umspielt. Sie ist keine abstrakte Künstlerin, aber sie ist sich dessen bewusst, was Abstraktion vermag. Der Komponist wird realistisch abgebildet, aber Grieblers Stil ist unverkennbar auf der Höhe unserer Zeit. Manchmal klingt eine expressionistische Bildersprache an, besonders im Zusammenhang mit der Bilderwelt von Der Tod und das Mädchen. Auch für sie gibt es die Nachtseite in Schuberts Biografie, aber sie lässt diese nicht überhand nehmen. Sie schafft etwas, das sich vielleicht am besten mit dem Titel eines der Goethe-Gedichte aus Der west-östliche Divan benennen lässt: Gegenwärtiges im Vergangenen. Schubert hat das Gedicht im Jahr 1821 für Tenor, Männerchor und Klavier vertont (D710). Je mehr man sich mit Schuberts Musik beschäftigt, je mehr man über sein Leben und seinen Kreis liest, desto mehr werden diese Zeichnungen mit Leben und Bedeutung erfüllt – sie handeln sowohl vom Jetzt als auch vom Damals. Das Auge kann sich an ihnen erfreuen, da Martha Griebler eine Epoche der Eleganz und des ästhetischen Raffinements wieder zum Leben erweckt; ihre wahre Bedeutung geht freilich weit darüber hinaus. Grieblers Werk beschwört die Wärme und die Menschlichkeit, die Schubert selbst beseelten und die ihn zu einem einzigartigen schöpferischen Genie und zu einem Genie der Freundschaft machten. Statt in herablassender Weise zu einer Art Maskottchen einer Biedermeier-Operette degradiert zu werden, erscheint der Komponist hier als ruhender Mittelpunkt seines eigenen Universums. Jeder, dem Musik und Musiker etwas bedeuten, wird von diesem Buch verzaubert werden, enthält es doch wahrhaft zauberkräftige Dinge, von denen sich manche zudem jeder Erklärung entziehen. Bei derartigen Leistungen müssen wir nicht herausfinden wollen, wie sie zustande gekommen sind. Als Liebhaber der Musik haben wir uns daran gewöhnt, solche Geschenke in Dankbarkeit anzunehmen; und für Martha Grieblers Werk kann es kein größeres Lob geben als dieses: es handelt nicht nur von ihrem guten Freund Franz Schubert, es hat selbst unmittelbar Teil an ihm. (Graham Johnson, London)
(…) Ich bin kein Anhänger paranormaler Erklärungsversuche für künstlerische Geheimnisse; Martha Griebler jedoch hinterlässt den Eindruck, sie habe Schubert auf einem Weg kennen gelernt, der uns anderen nicht offen steht. Sie versteht Schuberts Gesicht und Körper wie wenige andere; sie zeichnet ihn, als hätte sie ihn berührt und mit ihren Fingerspitzen die Knochen unter seinem Fleisch ertastet; sie ist ihm ganz nahe und kann sich neben ihm entspannen, zu jedem Zeitpunkt und in jeder Stimmung. Sie zeigt ihn unter Blickwinkeln und in Haltungen, die für den Schubertfreund neu sind, und gibt uns so die Möglichkeit, ihn wie zum ersten Mal zu sehen. Besondere Freude habe ich an den wunderbaren Rückenansichten, wie zum Beispiel in der wunderbaren Zeichnung, wo Schubert beim vierhändigen Klavierspiel mit Karoline Esterhazy zu sehen ist. Eine derart inspirierte Perspektive ist keine bloße Umarbeitung von Material, das bereits in der Schubert’schen Ikonographie vorhanden war, es handelt sich um etwas völlig Neues. Von ihrer außerordentlichen Affinität zu Goethe abgesehen, der das Thema einer weiteren atemberaubenden Ausstellung von Martha Griebler bildete, erstreckt sich ihre Einfühlung und ihr Verstehen über Schubert hinaus auch auf andere Mitglieder seines Kreises. Es gibt zum Beispiel nur ein sehr kleinformatiges Porträt des Dichters Johann Mayerhofer von einem Zeitgenossen, der ihn noch persönlich gekannt hatte, eine Darstellung im Profil in einem Schubertiade-Bild von Moritz von Schwind aus dem Jahr 1868. Griebler verwendet dieses Porträt als Ausgangspunkt und bildet Mayrhofer unter verschiedenen Perspektiven ab; sie gibt seinem Gesicht zum ersten Mal plastische Fülle. Dasselbe gilt für Franz von Schober, dessen etwas wüsten Charme Griebler ebenso überzeugend einfängt wie seine Possen beim Pfänderspiel. Was Schubert selbst angeht, so sehen wir ihn der Musik Mozarts lauschend, die aufeinandergelegten Hände vor den Mund gepresst (wie es in den Lebenszeugnissen beschrieben ist) und wir sehen ihn beim Gitarrespiel zu einer Zeit, als er infolge der Quecksilberbehandlung seiner Syphilis bereits alle Haare verloren hatte. Griebler bildet ihn zusammen mit Wilhelm Müller, mit Heinrich Heine und mit seinem künftigen Bewunderer Johannes Brahms ab. Das sind nur einige wenige Beispiele dafür, wie tief Martha Griebler das Leben des Komponisten und das Netz der Beziehungen, in denen es stand, zu verinnerlichen und wiederzugeben verstanden hat. Bevor ich auf dieses Oeuvre stieß, hatte ich – irrtümlicherweise – angenommen, ein moderner Mensch könne Schubert unmöglich mit den Mitteln der Kunst so abbilden, dass Ernst, Liebe und Humor – wie diffizil es allein ist, den Humor richtig zu dosieren! – alle zu ihrem Recht kämen. Das Risiko erschien mir ungeheuer groß, dass das Ganze zu bedeutungsschwer würde oder, im anderen Extrem, in die Karikatur abglitt. Das ist die feine Trennlinie, die Griebler mit duftigen weißen Flächen, dem Strich ihres Bleistifts und sparsamem Farbeinsatz mit vollendetem Feingefühl umspielt. Sie ist keine abstrakte Künstlerin, aber sie ist sich dessen bewusst, was Abstraktion vermag. Der Komponist wird realistisch abgebildet, aber Grieblers Stil ist unverkennbar auf der Höhe unserer Zeit. Manchmal klingt eine expressionistische Bildersprache an, besonders im Zusammenhang mit der Bilderwelt von Der Tod und das Mädchen. Auch für sie gibt es die Nachtseite in Schuberts Biografie, aber sie lässt diese nicht überhand nehmen. Sie schafft etwas, das sich vielleicht am besten mit dem Titel eines der Goethe-Gedichte aus Der west-östliche Divan benennen lässt: Gegenwärtiges im Vergangenen. Schubert hat das Gedicht im Jahr 1821 für Tenor, Männerchor und Klavier vertont (D710). Je mehr man sich mit Schuberts Musik beschäftigt, je mehr man über sein Leben und seinen Kreis liest, desto mehr werden diese Zeichnungen mit Leben und Bedeutung erfüllt – sie handeln sowohl vom Jetzt als auch vom Damals. Das Auge kann sich an ihnen erfreuen, da Martha Griebler eine Epoche der Eleganz und des ästhetischen Raffinements wieder zum Leben erweckt; ihre wahre Bedeutung geht freilich weit darüber hinaus. Grieblers Werk beschwört die Wärme und die Menschlichkeit, die Schubert selbst beseelten und die ihn zu einem einzigartigen schöpferischen Genie und zu einem Genie der Freundschaft machten. Statt in herablassender Weise zu einer Art Maskottchen einer Biedermeier-Operette degradiert zu werden, erscheint der Komponist hier als ruhender Mittelpunkt seines eigenen Universums. Jeder, dem Musik und Musiker etwas bedeuten, wird von diesem Buch verzaubert werden, enthält es doch wahrhaft zauberkräftige Dinge, von denen sich manche zudem jeder Erklärung entziehen. Bei derartigen Leistungen müssen wir nicht herausfinden wollen, wie sie zustande gekommen sind. Als Liebhaber der Musik haben wir uns daran gewöhnt, solche Geschenke in Dankbarkeit anzunehmen; und für Martha Grieblers Werk kann es kein größeres Lob geben als dieses: es handelt nicht nur von ihrem guten Freund Franz Schubert, es hat selbst unmittelbar Teil an ihm. (Graham Johnson, London)
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